top of page

"Ich habe immer abgesagt"

  • esthercsapo
  • 12. Dez. 2025
  • 6 Min. Lesezeit

Wie Armut Freundschaften und Schule prägt


Cornelia ist 21. Sie kommt aus Oberösterreich. In der vorweihnachtlichen Mariahilfer Straße, einem Ort den sie früher gemieden hätte, treffe ich die junge Frau zum Interview.


Ich bin berührt. Von ihrer Ehrlichkeit, Offenheit und dem Mut, über ein Thema zu sprechen, das für viele Menschen immer noch sehr schambesetzt ist.


Cornelia auf der Mariahilfer Straße
Cornelia auf der vorweihnachtlichen Mariahilfer Straße

E: Du hast mir früher erzählt, du warst nicht so gern auf Einkaufsstraßen. Warum?


C: ja, erstens waren es so viele Menschen auf einmal und zweitens hat es mich sehr verwirrt, warum die so viele Säckchen oder Taschen gehabt haben und wir halt nicht. Und es war einfach voll unangenehm.

Außerdem haben wir auch keinen Grund gehabt dazu, dass wir auf so Einkaufsstraßen gehen.


E: Wie ist es jetzt?

C: schön eigentlich. Ja, ich finde es sehr schön.

E: Dann gehen wir ein bisschen bummeln.


Esther und Cornelia beim Bummeln auf der Mariahilfer Straße
Cornelia und Esther beim Bummeln

Wir lassen uns treiben vom Strom der Einkaufenden.


Dann nehmen wir Platz auf einem Bankerl inmitten des Treibens. Ich hab Tee und eine Decke dabei. Und Cornelia beginnt zu erzählen


C: Aktuell gehe ich in die Abend HAK, weil ich habe es nicht geschafft, auf dem normalen Weg die Matura zu machen und deswegen mache ich das jetzt so und bis jetzt läuft es auch sehr gut und ich hoffe, dass es bald endlich schafft.


E: Hat das was damit zu tun gehabt, wie eure finanzielle Situation war, dass du die Schule früher nicht geschafft hast?

C: Ja, also schon. Es hat so viel zusammen gespielt. In der Volksschule, ist man eben ausgegrenzt worden und ich habe dadurch richtige Panikattacken entwickelt und eine Sozialphobie mit einer Angststörung und das hat mich halt sehr lange verfolgt, vor allem in der Schule.


E: Wie geht es dir jetzt?

C: Jetzt geht es mir eigentlich ziemlich gut wieder. Ich habe schon oft Ängste, auch sehr starke, vor allem über die Zukunft. Aber ich habe das eigentlich recht gut schon verarbeitet.


E: In welchen Situationen hast du das am meisten bemerkt, dass du ausgegrenzt wirst oder wo du nicht dabei sein konntest damals?

C: Ich war in sehr vielen eigentlich, also in der Schule vor allem, bei Ausflügen in der Schule. Ich war nie wirklich auf einen Ausflug mit, außer einmal auf Skitage. Das war das einzige Mal. Und vor allem bei Freunden, bei Geburtstagen, wenn die mir eine Einladung geschickt haben oder mich irgendwo dazu eingeladen haben, habe ich immer gesagt, dass ich nicht darf oder dass ich nicht kann, weil ich kein Geld für das Geschenk gehabt habe. Und ich habe auch gewusst, dass die anderen bei dem Geburtstag zum Beispiel alle ein riesengroßes oder viele Geschenke haben. Und ich hab halt nichts, was ich wirklich schenken können hab.


E: Das heißt, du hast dich deswegen schwerer getan, Freundinnen und Freunde zu finden?

C: Ja, auch. Also ganz am Anfang, wo wir noch in der Stadt gewohnt haben, bevor wir umziehen haben müssen, habe ich sogar Freundinnen gehabt eigentlich. Aber da hat das eben angefangen mit den Geburtstagen schon. Und als wir dann umgezogen sind, dann habe ich eigentlich keine Freunde mehr gehabt.


E: Warum seid ihr damals umgezogen?

C: Meine Schwester ist krank auf die Welt gekommen und dann hat nur mein Papa arbeiten können, weil die Mama eben bei der Schwester war. Und der Papa ist dann krank geworden und hat eben nicht mehr so viel arbeiten können und dann haben wir uns die Wohnung nicht mehr leisten können in der Stadt und haben eben viel weiter wegziehen müssen.

E: Weil es dort billiger war

C: ja genau


E: Das war sehr traurig.

C: Ja, es war ganz schlimm für mich. Also die Zeit, als wir am Land waren, die war ganz schlimm.


E: Warst du einsam?

C: Ja, also ich habe gar keinen mehr gehabt. Ich habe dann tatsächlich einen Hund gekriegt und ich glaube, der hat mein Leben gerettet, weil das war dann so mein einziger Freund noch, außer halt meine Geschwister und meine Familie, die waren auch immer da. Aber sonst war ich immer daheim und bin dann auch gar nicht mehr rausgegangen, weil ich alleine war.


E: Wieso hast du damals dann nicht sagen können, ich würde ja eigentlich eh gern kommen, ich kann mir nur kein Geschenk leisten? Warum kann man das nicht in dem Moment?

C: weil das peinlich war, also extrem peinlich. Ich habe das immer versucht zu verstecken und eben in der Schule oder so, ich habe das nicht sagen können, dass ich kein Geld habe, auch wenn man es vielleicht gemerkt hat von außen, aber es war einfach so unangenehm und man hat sich eben früh geschämt für das.



E: Obwohl man ja eigentlich nichts dafür kann.

C: Ja, aber man hat sich so anders gefühlt einfach und der Selbstwert ist auch viel verloren gegangen.


E: Wenn man wenig Geld hat, kann man ja oft viele Dinge nicht machen, die für andere irgendwie selbstverständlich sind. Zum Beispiel, manche gehen Fußballverein, dann Instrument spielen, reiten, whatever. Womit hast du dich in den Nachmittagen beschäftigt?

C: Ich war zu Hause eigentlich immer. Ich habe nie irgendwas gehabt, wo ich hingehe.


E: Dass du nicht auf Partys gegangen bist, verstehe ich, aber hast du auch manchmal jemanden zu dir eingeladen nach Hause?

C: Nein. Man hat von daheim aus gemerkt, dass wir nicht so viel Geld haben. Wir haben uns die Zimmer geteilt und das war auch so, ich habe nie wirklich Privatsphäre gehabt. Ich war immer mit meinen Geschwistern gemeinsam. Mich hat das auch oft nicht gestört, weil ich mich ja mit ihnen verstanden habe. Aber in manchen Situationen war es schon unangenehm. Man wollte einfach lesen und es ist nicht gegangen.


E: In welchen Situationen wäre es manchmal gern allein gewesen?

C: wenn es Streit gab oder so. Aber auch beim Lernen, ich habe nie einen Platz gehabt, wo ich lernen kann alleine. Und das hat auch sehr viel beeinflusst, weil ich mich nicht konzentrieren konnte.


E: Aber euch geht es ja jetzt als Familie wieder besser. Wie ist das zustande gekommen?

C: Meine kleine Schwester hat Geburtstag gehabt und Mama hat tatsächlich Freundinnen von ihr eingeladen, aber es ist keiner gekommen. Und das hat meine Mama dann so traurig gemacht, dass sie sich auf Twitter geöffnet hat, weil sie einfach nicht mehr gewusst hat, was sie machen soll oder mit wem sie darüber reden kann. Und das haben dann tatsächlich sehr viele Menschen gesehen.

Und auf einmal sind so viele Pakete heimgekommen und lauter Geschenke für meine kleine Schwester. Wirklich, das war unglaublich irgendwie. Ja, und da ist dann irgendwie so bergauf gegangen, weil dann hat Mama, ich glaube, sie war auch die Einzige, die darüber geredet hat zu der Zeit. Und die ist dann eben eingeladen worden, hat dann ein Buch geschrieben darüber. Und ja, seitdem macht sie das auch. Das hat uns eigentlich auch so daraus geholfen, dass sie angefangen hat zu reden.


E: Das heißt, du findest es heute auch wichtig, dass Menschen darüber reden?

C: ja, ganz wichtig.


E: Was hätte es für dich geändert damals? Also wenn mehr Menschen über sowas Bescheid wissen, wie hätte es dir dann geholfen?

C: Ich glaube, ich hätte mich nicht so geschämt, weil es wahrscheinlich viel mehr geben hätte, viel mehr Kinder und Erwachsene, die was darüber reden und die was auch sagen, dass es mir nicht gut geht oder so. Aber dadurch, dass es eben keiner gegeben hat, wo ich gewusst habe, dass es denen auch so geht, habe ich mich eben sehr geschämt und zurückgezogen.


E: Ich finde das wirklich extrem super, nicht nur was deine Mama macht, sondern auch, dass du die da jetzt her setzt und mit uns das alles teilst, weil eben das noch nicht selbstverständlich ist.

C: Danke. Ich glaube, dass sich ganz viele einfach nicht trauen. Ich habe ja eben die Mama, die etwas darüber redet und ich kenne das ja auch von der Mama. Aber wenn eine Familie oder Kinder eine Familie haben, die etwas nicht darüber reden, wo die Eltern das eben auch noch verstecken, da ist das dann nur schwieriger.


Esther und Cornelia auf einer Bank auf der Mariahilfer Straße sitzend und Tee trinkend
Cornelia und Esther beim Interview

Das Interview mit Cornelia findest du auch in der Zib Zack Mini.

In den Kindernachrichten geht es um das Thema Armut. Wie sie sich anfühlt, warum manche Menschen von Armut betroffen sind und ab wann man in Österreich als armutsgefährdet gilt.


Kommentare


bottom of page